Ich bin introvertiert! Na und? - Warum introvertiert sein keine Schwäche ist

Oktober 25, 2017

„Sei doch nicht so schüchtern!“ Diesen absolut geistreichen Satz habe ich gerade in meiner Kindheit als introvertierter Mensch gefühlt jeden zweiten Tag gehört. Dabei verwechseln die meisten diese zwei Dinge – Schüchtern ist nicht gleich introvertiert und umgekehrt.

Introvertiert oder extrovertiert – was ist das eigentlich genau?

Es sind, ganz einfach ausgedrückt, Persönlichkeitseigenschaften und bestimmen meiner Meinung nach den Grundtypen einer Person. Introvertierte werden oft als still, nachdenklich und zurückhaltend bezeichnet, wohingegen extrovertierte (oder extravertierte, es geht beides) Menschen das ziemliche Gegenteil darstellen. Durch das Zurückhaltende der Introvertierten werden sie oft als schüchtern bezeichnet, wohingegen Schüchternheit mit richtigen Angstzuständen einhergeht, was bei einem ruhigen Charakterzug nicht der Fall ist. Introvertierte fühlen sich einfach in größeren Gruppen unwohl und sie leiden unter schneller Reizüberflutung, weswegen man einen kleineren Kreis von Leuten oder die ruhigere Ecke bei der Katze auf einer Party bevorzugt.

Ist es nun eine Schwäche oder Stärke?

Warum das eine Schwäche sein soll, begreife ich bis heute noch nicht so ganz. Introvertierte haben einfach eine nach innen gerichtete Wesensart und sie haben andere Stärken und Schwächen als Extrovertierte. Ihre Fähigkeiten liegen zum Beispiel in guter Konzentration, einem hohen Einfühlvermögen, Ruhe, Selbstreflektion, Besonnenheit und einem erhöhten Maß an Kreativität. Sie neigen dazu, Dinge erst mehrfach alleine zu durchdenken und Situationen zu beobachten, statt sich direkt in eine Diskussion zu werfen. Zu den Schwächen gehören Konfliktscheue, schnelle Reizüberflutung und Kontaktvermeidung. Außerdem steht es im Raum, ob die nach innen gerichtete Wesensart ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Suchterkrankungen darstellt.

Auch heute noch wird die nach außen gerichtete Wesensart favorisiert und extrovertierte Menschen haben es augenscheinlich einfacher. Sie sind oft in der Lage, sich in ein gutes Licht sowie den Mittelpunkt zu rücken. Sie sprechen laut und eindringlich und bleiben somit eher im Gedächtnis. Laut einigen Studien hat man es mit der nach außen gerichteten Wesensart einfacher, in Führungspositionen zu kommen, obwohl Introvertierte durch ihr Einfühlvermögen und die Besonnenheit als die besseren Chefs gelten. Viele von uns schaffen es aber nicht an ihren Hürden zu arbeiten und somit bleiben wir meist unbemerkt im Hintergrund.

Das Leben als Introvertierter Mensch

Wie schon beschrieben handelt es sich hier um einen Charakterzug, das bedeutet man wächst damit auf und man kann es auch nicht grundlegend ändern. Ja, man kann an seinen Hürden arbeiten, aber es wird introvertierte Menschen immer mehr Überwindung kosten, sich in den Mittelpunkt zu stellen, als Extrovertierte.
Besonders die Schule stellt eine schwierige Phase dar. Sie ist laut, voller Menschen und demnach absolut reizüberflutend. Es wird von allen Seiten gefordert, anders zu sein, als man nun mal ist, weil man als ruhiger Mensch auf seine Mitschüler langweilig wirkt und zu seiner mündlichen Note trägt es auch nicht wirklich bei. Ich habe mir oft gewünscht, offener und lauter zu sein. Mittlerweile sehe ich das anders und bin froh, ein stiller Mensch zu sein. 
Mein Kopf scheint manchmal wirklich ganz anders zu funktionieren als andere und es gibt mehr als eine Situation, wo ich es mir deswegen schwer tue. Aber so ist das eben mit dem Charakter. Er gehört zu mir und definiert mich, also wieso soll ich was daran ändern? Ich bin froh über meine hohe Kreativität und mein Konzentrationsvermögen. Meine Selbstreflektion artet oft in maßlose Selbstkritik aus aber grundsätzlich bin ich froh, dass ich hinterfrage was ich tue, sage und denke. Ich habe es akzeptiert, dass ich so bin und nur dadurch kann ich jetzt auch an den Schwächen arbeiten. 

Nicht umsonst heißt dieser Blog so wie er heißt 😊

Kommentare:

  1. Liebe Celine,
    die Schule war - was die mündlichen Noten angeht - wirklich eine gnadenlose Zeit. Ich persönlich fühle mich abgestraft dafür, wie mein Charakter nun einmal ist. Ich kann mittlerweile manchmal auf Menschen zugehen, manchmal aber auch nicht, das kommt immer auf meine Tagesform an. Und ich brauche immer mal wieder Zeit für mich. Wenn ich Vertrauen gefasst habe, kann ich mich aber auch gut öffnen. All diese Voraussetzungen hatte ich in der Schule aber nicht und meine Lehrer leierten mir nur immer dasselbe vor. Ging es dir da ähnlich?
    Ich habe tatsächlich ans Kultusministerium einen Brief geschrieben, wieso die Schule nur Leute mit demselben Charakter heranzüchten will (jedenfalls sinngemäß) und habe eine - wie ich finde - freche Antwort darauf erhalten... das fand ich schon sehr enttäuschend!
    Liebe Grüße
    Katharina

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    1. Hellooo!
      Oh ja, ich kann komplett nachvollziehen was du schreibst. Mein Deutschlehrer sagte mir bei meinem letzten Referat in der 13. Klasse, dass ich doch total gut sprechen kann und warum ich das nicht öfter getan hätte :D
      Würde mich interessieren, was als Antwort zurück kam? Finde es aber gut, dass du da überhaupt hingeschrieben hast! Daran hab ich irgendwie noch gar nicht gedacht.

      Liebste Grüße zurück :)

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  2. Ich kriege in letzter Zeit irgendwie total vermehrt diese Diskussion zwischen introvertiert und schüchtern mit - etwas, worüber ich mir früher gar keine Gedanken gemacht habe, denn man wurde immer einfach als schüchtern abgestempelt. Und gerade seit ich mich wieder mehr in Bloggerkreisen bewege höre ich so oft von eher introvertierten Leuten und das Gefühl nicht alleine dazustehen, wie es mir früher öfter vorgekommen ist, ist einfach so toll, von daher Danke für diesen Beitrag :-)
    Und die Schule ist wirklich so ein Knackpunkt. Dort wird von einem erwartet, dass man offen ist und sich an Diskussionen beteiligt und ich bin so froh, dass das in der Uni (zumindest in meinem Studiengang) anders ist. Nicht gezwungen werden zu sprechen und einfach auch mal nur beobachten zu können, wenn man will, und als Konsequenz daraus nicht gleich eine schlechte mündliche Note zu kriegen, ist eines der Dinge, die ich an der Uni am liebsten mag.

    Und deinen Blognamen - sowieso den ganzen Blog - finde ich übrigens ganz wunderbar, wollte ich nur mal gesagt haben :D

    Liebe Grüße,
    Katharina

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    1. Hellooo!
      Ja ich habe auch lange beides in eine Schublade gesteckt, finde es aber gut, dass immer mehr Leute den Unterschied verstehen.
      Und nichts zu danken, mir geht es da genauso! Es tut einfach immer gut, wenn man hört, dass man nicht alleine so seltsam ist ;D

      Naja mein Studiengang ist in manchen Seminaren leider schon ähnlich wie die Schule, was diesen Druck angeht.. Aber habe auch von vielen gehört, denen es wie dir ging.

      Huii vielen Dank! :D Das freut mich total

      Liebste Grüße zurück,
      Celine

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  3. AMEN!!!
    Ich werde so oft als schüchtern bezeichnet, dabei bin ich einfach introvertiert. Ich habe selber sehr lange gebraucht bis ich das verstanden und akzeptiert habe. Meine Geschwister sind die Paradebeispiele für extrovertierte Menschen und vor allem als ich jünger war hatte ich grosse Schwierigkeiten damit. Mich durchsetzen? Beim Abendessen auch mal laut meine Meinung sagen? Fehlanzeige. Inzwischen geht es zwar etwas besser, aber nach einer Diskussion mit einem lautstarken extrovertierten Menschdn brauch ich meine Ruhe.
    Ich brauche einen Rückzugsort, sonst bin ich total gereizt und ich habe keine Energie. Deshalb bin ich sehr froh wenn ich bei der Arbeit und Zuhause mir mal etwas Ruhe gönnen kann. Auch wenn es nur schnell fünf Minuten sind.
    Supertoller Beitrag, ich mag deinen Blog total gerne, nucht nur wegen des passenden Namens <3
    Liebe Grüsse
    Julia

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    1. Ohje, das stelle ich mir ein bisschen ätzend vor, wenn dann gerade die Geschwister so das Gegenteil sind und man vielleicht noch eher mit denen verglichen wird.

      Der Rückzugsort ist echt so wichtig! Ich war diesen Sommer mit ein paar Freunden für mehr als eine Woche auf einem Festival und am fünften Tag unter Menschen musste ich mich für mehrere Stunden im Zelt "einsperren" und einfach mal in Ruhe lesen, weil mir sonst der Kopf geplatzt wäre. Wirklich krass. Und meinem Freund zum Beispiel, eher eine extrovertierte Person, hat das gar nichts ausgemacht..

      Dankeschön!! Das freut mich so zu hören :) Ich mag deinen auch total, aber das weißt du ja ;)
      <3

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  4. Liebe Celine,
    danke für den interessanten Einblick und die hilfreichen Erklärungen :)
    Ich glaube mittlerweile, dass mein Charakter eine Mischung aus beidem ist, je nach Situation :-D Das geht wahrscheinlich gar nicht, aber wer weiß.
    Ich bin auf Feiern und auch in Konfliktsituationen recht impulsiv und laut, fühle mich aber grundsätzlich in kleineren Gruppen und auch alleine viel wohler. Ich bin recht kreativ und schnell reizüberflutet.

    Liebe Grüße,
    Nicci

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    1. Doch doch, das geht! :) Schau mal bei Anna von Ink of Books vorbei, die hat dazu einen ganzen Artikel geschrieben. Abivertiert heißt das. Ich bin bewusst in meinem Beitrag nicht darauf eingegangen, weil das eben "die Norm" darstellt und denke ich auch das gesündeste ist. Extrovertiert und Introvertiert sind eben die Extreme, die ich hier thematisieren wollte. :)

      Liebste Grüße,
      Celine

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